Das sollten PR-Experten √ľber das Dark Web wissen

Das sollten PR-Experten √ľber das Dark Web wissen
5. Juli 2018 Nina Walloch

Das sollten PR-Experten √ľber das Dark Web wissen

Das sollten PR-Experten √ľber das Dark Web wissen

Ihnen ist sicherlich das sogenannte Surface Web („Sichtbares Web“)¬†bekannt. Dieser Begriff bezieht sich auf¬†alle Bereiche des Internets, die indexiert und √ľber Internet-Suchmaschinen wie Google oder Bing allgemein zug√§nglich sind. Was sie vielleicht nicht wussten: auch wenn das Surface Web auf den ersten Blick¬†sehr gro√ü wirkt, macht es gerade einmal 4% des gesamten Internets aus. Die verbleibenden 96% werden als Deep Web bezeichnet.

Einige Bereiche des Deep Web sind aus berechtigten Gr√ľnden generell nicht indexiert¬†– denken Sie an private Facebook-Profile, Intranets von Unternehmen, Online-Banking oder¬†kostenpflichtige Dienste wie zum Beispiel Video-Streaming oder Zeitungen mit einer Bezahlschranke. Dann gibt es aber auch noch Bereiche des Deep Web, die f√ľr zum Teil illegale Zwecke¬†versteckt werden – diesen Teil bezeichnet man als¬†Dark Web. In diesem Artikel verraten wir Ihnen alles, was Sie √ľber das Dark Web wissen m√ľssen, welche Risiken damit verbunden sind und wie PR-Experten das Dark Web in ihrer Arbeit nutzen k√∂nnen.

Was passiert eigentlich im Dark Web?

Sicherlich ermöglicht das Dark Web viele illegale Transaktionen. Aber entgegen der allgemeinen Annahme, hat das Dark Web noch mehr zu bieten.

#1 – E-Commerce

Einige E-Commerce-Seiten nutzen das Dark Web f√ľr den Verkauf von Produktf√§lschungen und f√ľr Transaktionen auf sogenannten Grauen M√§rkten. Diese Webseiten verkaufen Raubkopien, Finanzinformationen, illegale Drogen und verschreibungspflichtige Arzeimittel. Die Plattform AlphaBay, die mittlerweile abgeschaltet wurde, funktionierte zum Beispiel im Prinzip wie der Online-Marktplatz eBay.

Auch wenn viele dazu neigen das Dark Web direkt mit Mitgliedern mächtiger Verbrechersyndikate in Verbindung zu bringen, unterscheiden sich die Akteure innerhalb des Dark Web. Ein großer Teil der Nutzer sind eher Gelegenheits-Hacker oder ganz normale Menschen, die zum Beispiel kompromittierte Netflix-Accounts kaufen möchten, um kostenlos TV-Serien schauen zu können.

#2 РTerrorismusbezogene Aktivitäten

Informationen dar√ľber, wie genau Terroristen das Dark Web nutzen, sind im Detail nicht bekannt. Wir wissen aber, dass¬†Terroristen zum Beispiel Bitcoin nutzen, um sich Waffen, Material zur Herstellung von Sprengs√§tzen und gef√§lschte P√§sse √ľber das Dark Web zu beschaffen.

#3 – Chat-Foren

Das Dark Web enth√§lt au√üerdem sehr viele Foren, in denen Kriminelle Tipps austauschen und sich √ľber ihre Hacking-Aktivit√§ten unterhalten. Auch personenbezogene Informationen werden in diesen Foren zum Verkauf angeboten.

#4 – Journalismus & PR

Das Dark Web erm√∂glicht Nutzern die Wahrung ihrer Anonymit√§t und bietet damit einen gewissen Schutz. So hat es sich zu einer Art Oase f√ľr den Journalismus entwickelt. Reporter ohne Grenzen empfiehlt die Nutzung von Tor¬†– urspr√ľnglich ein Akronym f√ľr „The Onion Router“ und eine kostenlose Software, die anonymisierte Kommunikation erm√∂glicht – um Zugang zum Dark Web zu erhalten. Tor ist eine Empfehlung aus dem „Online-Survival-Kit“ von Reporter ohne Grenzen f√ľr Journalisten, die aus L√§ndern berichten, in denen die Gefahr besteht, dass sie f√ľr ihre Berichterstattung verhaftet werden. Tor wird auch von Human Rights Watch und Global Voices empfohlen und sogar vom US-Amerikanischen¬†International Broadcasting Bureau¬†(verantwortlich f√ľr den Betrieb von Voice of America und Radio Free Asia) gesponsert.

ProPublica, ein durch Stiftungen finanzierter US-amerikanischer Non-Profit-Newsdesk f√ľr investigativen Journalismus, nutzt das Dark Web seit 2016. Die Organisation hat eine verstecke Version ihrer Nachrichtenseite dem Tor-Netzwerk hinzugef√ľgt. So kann¬†ProPublica¬†sicher mit Informanten kommunizieren¬†und auch Leser in L√§ndern erreichen, in denen viele Inhalte zensiert werden.

Die New York Times ist diesem Beispiel 2017 gefolgt. Laut¬†Runa Sandvik, Director of Information Security des Unternehmens, kann die New York Times √ľber ihre Seite im Dark Web Leser bedienen, die keinen Zugang zur Hauptwebseite der Zeitung haben oder¬†die durch die lokale Netzwerk√ľberwachung, zum Beispiel durch ihren Arbeitgeber, verunsichert sind.

Sogar Facebook ist √ľber das Dark Web zu erreichen: Es existieren keine aktuellen¬†Sch√§tzungen in diesem Zusammenhang, aber bereits 2016 haben mehr als 1 Million Menschen √ľber das Dark Web auf Facebook zugegriffen.

The New York Times is Now Available as a Tor Onion Service

Risiken f√ľr PR-Experten

Das Dark Web birgt zahlreiche Risiken, denen sich Kommunikationsexperten bewusst¬†sein und auf die sie sich entsprechend vorbereiten sollten. Wir leben in einer Welt, in der Daten sehr einfach erstellt und durch die¬†stetig wachsende digitale Vernetzung geteilt werden k√∂nnen. Cyber-Attacken sind in diesem Zusammenhang eine reale und t√§gliche Bedrohung. Laut einem aktuellen Bericht¬†des Sicherheitsunternehmens¬†McAfee, betrugen die globalen Kosten f√ľr Cyberkriminalit√§t im Jahr 2017¬†mehr als 600 Milliarden US-Dollar. Das Beratungsunternehmen PwC sch√§tzt, dass etwa 90% aller gro√üen Unternehmen¬†mindestens einmal mit einem Datenleck konfrontiert sein werden. Das Marktforschungsunternehmen Forrester zeigte, dass bereits in 2015 60% aller Marken mit den Folgen einer Sicherheitsl√ľcke zu k√§mpfen hatten – und diese Zahl ist vermutlich seitdem weiter angestiegen. Die potenziellen Risiken f√ľr die Reputation und die Profitabilit√§t einer Organisation sind somit enorm.

PR-Experten sollten deshalb diese Tipps befolgen, um mögliche negative Auswirkungen derartiger Angriffe zu minimieren:

#1 – Vorbereitet zu sein ist entscheidend

Zu jeder Zeit √ľber m√∂gliche Cyber-Angriffe informiert zu sein, ist f√ľr Unternehmen essenziell. Proaktives Monitoring des Dark Web ist deshalb unbedingt notwendig, um anhand von Erw√§hnungen Ihrer Marke, Ihres Produkts oder Ihrer Mitarbeiter zu erkennen, ob eine Gefahr droht. Cyber-Attacken werden √ľblicherweise lange im Voraus geplant¬†und Diskussionen im Dark Web k√∂nnen mit der richtigen Technologie fr√ľhzeitig identifiziert werden.

#2 – Sicherheitsl√ľcken so schnell wie m√∂glich aufdecken

Idealerweise sollten Sie jegliche Art von Sicherheitsl√ľcken und -verletzungen so schnell wie m√∂glich – am besten in Echtzeit – identifizieren. Ber√ľcksichtigen Sie dabei auch organisationsinterne Risiken. Ein m√∂glicher Schaden kann durch ein effektives Alerting erheblich minimiert werden.

#3 РBewusstsein schaffen Рinnerhalb der Organisation sowie in Ihrem Netzwerk

Die Aus- und Weiterbildung von F√ľhrungskr√§ften, Mitarbeitern und Partnern sowie von Kunden ist von gr√∂√üter Bedeutung. Konzentrieren Sie sich dabei in erster Linie auf die Bereiche Ihrer Organisation, die mit vertraulichen oder sensiblen Daten arbeiten. So ist beispielsweise der Schutz von geistigem Eigentum einer der wichtigsten¬†Bereiche, in denen Markenverantwortliche unmittelbar aktiv werden sollten.

#4 – Rechtzeitiger Austausch mit offiziellen Stellen

Vorbereitungs- und Präventionsmaßnahmen sind wichtig, aber ebenso relevant ist das Teilen von Daten und Fakten mit Behörden, wie zum Beispiel der britischen National Crime Agency oder dem deutschen Bundeskriminalamt. Auf diese Weise helfen Sie dabei Kriminelle zu fassen und mögliche Cyber-Attacken zu verhindern.

#5 – Direkte und sichtbare Interaktion im Dark Web vermeiden

PR-Experten, die das Dark Web zum Beispiel f√ľr die Zielgruppenrecherche nutzen, m√ľssen sicherstellen, dass sie keine unn√∂tige Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich so m√∂glicherweise zum Ziel von Cyber-Angriffen machen. Im Klartext bedeutet das: PR-Experten sollten im Dark Web eher passiv agieren und direkte Interaktionen mit anderen Nutzern, zum Beispiel in Foren oder Chats, vermeiden.

#6 – Phishing-Versuche proaktiv identifizieren

Bei der Nutzung des Dark Web sollten PR-Experten au√üerdem m√∂gliche Phishing-Aktivit√§ten im Auge behalten, bei denen sich Hacker als Vertreter von etablierten Webseiten oder Organisationen ausgeben und Login-Daten oder Passw√∂rter stehlen. W√§hrend das Phishing im Surface Web bereits ein gro√ües Risiko ist, ist es¬†im Dark Web die Regel. Sollte jemand in einem Forum √ľber einen Link eine Webseite oder Plattform empfehlen, ist dies mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Phishing-Versuch. URLs im Dark Web enthalten oft verschachtelte Wortkonstruktionen, die eine Phishing-URL auf den ersten Blick wie eine vertrauensw√ľrdige Webseite erscheinen l√§sst.

Tipps f√ľr die Nutzung des Dark Web in der PR-Arbeit

#1: Zielgruppen verstehen

Die Arbeit in der PR setzt voraus, dass Sie die Gedanken und Bed√ľrfnisse Ihrer Zielgruppe verstehen. Nehmen wir an, dass der ideale Kunde technisch versiert ist, die eigene Privatsph√§re sch√ľtzt und¬†viel Zeit im Dark Web verbringt.

In diesem Fall ist es f√ľr PR-Experten hilfreich¬†sich mit dem Dark Web und insbesondere den Seiten, die ihre Kunden h√§ufig besuchen, vertraut zu machen. Auf diese Weise bekommen sie einen Einblick in die Bed√ľrfnisse ihrer Zielgruppe und k√∂nnen diese nutzen, um ansprechende und gezielte PR-Kampagnen zu entwickeln.

#2: „Threat Intelligence“ identifizieren

Durch die Recherche und Beobachtung des Dark Web, k√∂nnen Sie potenziell sehr wertvolle „Threat Intelligence„-Informationen sammeln. Threat Intelligence – also das Wissen √ľber aktuelle und m√∂gliche Bedrohungen und Angriffsszenarien – besteht aus Daten, die mit einer traditionellen Medienbeobachtung kaum zug√§nglich sind. So k√∂nnen Sie beispielsweise Daten- oder Nachrichtenlecks innerhalb von Organisationen ausmachen und Ma√ünahmen ergreifen, die sicherstellen, dass diese Informationen nicht in die Medien gelangen.

Andrei Barysevich, Dark Web-Experte und ehemaliger Berater der FBI Cyber Division, berichtet von einem multinationalen Softwareunternehmen, das durch die Nutzung des Dark Web verhindern konnte, dass der Softwarequellcode des Unternehmens bereits vor der kommerziellen Ver√∂ffentlichung im Dark Web verkauft werden konnte. Laut Herrn Barysevich hat ein Insider, der beim Unternehmen angestellt war, versucht den Code im Dark Web f√ľr 50.000 US-Dollar zu verkaufen.

Worauf läuft es letzten Endes hinaus? Als PR-Experte handeln Sie im besten Interesse Ihrer Kunden Рund dazu gehört auch diese zu informieren und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, sollten Sie herausfinden, dass Daten oder private Informationen in irgendeiner Art missbraucht werden könnten.

#3: Nutzen Sie „Dark Sites“

Dark Sites und Dark Web sind nat√ľrlich nicht das Gleiche. Dark Sites – auch Blind Sites, Black Sites oder Ghost Sites genannt – sind Webseiten, die in Vorbereitung auf m√∂gliche Krisen aufgesetzt werden. Dabei handelt es sich um funktionsf√§hige, vorgefertigte Webseiten, die sofort ver√∂ffentlicht werden k√∂nnen, sobald eine Krise tats√§chlich ausbricht. Sie ersetzen oder erg√§nzen dann die Hauptwebseite des Unternehmens.

Dark Sites dienen dazu Informationen genau und rechtzeitig zu kommunizieren und verdeutlichen damit, dass das Unternehmen die Kontrolle √ľber diese Information und das Messaging hat. W√§hrend einer Krise (wie zum Beispiel das Verschwinden des Malaysia-Airlines-Flugs¬†370) steht das mit dieser Krise konfrontierte Unternehmen unter konstanter √∂ffentlicher Beobachtung. Mithilfe einer Dark Site k√∂nnen betroffene Organisationen nicht nur schneller und effektiver mit den Medien kommunizieren, aber eben auch umfassend √ľber die jeweilige Rechtslage f√ľr betroffene Kunden informieren oder Updates f√ľr die breite √Ėffentlichkeit bereitstellen. Auf diese Weise verk√ľrzen sie die Reaktionszeit und bieten der √Ėffentlichkeit sofortige Gewissheit.

Unser Fazit zum Einsatz des Dark Web in der PR

John David hat gesagt: „Als professionelle Kommunikatoren m√ľssen wir uns auf Technologien einlassen und verstehen, dass Sicherheit im Netz und Reputationsmanagement ein und dasselbe¬†sind.“ Die Mehrheit der PR-Experten l√§sst sich allerdings wohl in zwei Lager teilen: diejenigen, die nicht wissen, dass das Dark Web existiert und diejenigen, die aufgrund eines fehlenden Verst√§ndnisses das Dark Web gezielt vermeiden.

Angesichts der Tatsache, dass Nachrichtenplattformen, Ressourcen f√ľr Journalisten und Whistleblowing-Seiten vermehrt im Dark Web auftauchen, sind diese Bereiche des Dark Web f√ľr PR-Experten h√∂chstwahrscheinlich n√ľtzlich oder zumindest informativ. Das Dark Web ist nicht grunds√§tzlich schlecht – es ist lediglich ein Ort, an dem die Menschen ihre Identit√§t nicht preisgeben m√∂chten. Und da das Dark Web immer mehr¬†genutzt wird, ist es an der Zeit, dass PR-Experten ihre Bedenken und Vorurteile beiseiteschieben und die 96% des Internets, die ihnen bisher verborgen blieben, aktiv in ihre PR-Arbeit einbinden.

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