Interview mit DFKI-Ableger Debatoo: „KI wird die Online-Debattenkultur verbessern“

Interview mit DFKI-Ableger Debatoo: „KI wird die Online-Debattenkultur verbessern“
29. Juli 2019 Falk Rehkopf

Interview mit DFKI-Ableger Debatoo: „KI wird die Online-Debattenkultur verbessern“

Datenmodell Debatoo fürs web

Wenn es um den derzeitigen Stand der Qualität von Online-Debatten geht, herrscht bei vielen Bürgern – aber auch Organisationen – Ratlosigkeit. Weitere Entwicklungen wie Synthetic Media, Deepfakes sowie die Effekte von Des- und Fehlinformationskampagnen erschweren die Situation und belasten das ohnehin angeschlagene Vertrauen vieler in die Medien und politische Institutionen weiter. Wie also hält man in solch einer Situation einen positiven, politischen Diskurs im Netz im Gang – und damit möglicherweise die Demokratie? Genau hier setzt die Idee des Start-ups Debatoo an. Das von Henrik Tesch, Holger Geißler und Jan Mönikes gegründete Technologieunternehmen hat sich das große Ziel gesetzt, Online-Debatten grundsätzlich zu verbessern. Das wesentliche Werkzeug hierzu ist eine neu entwickelte Plattform, mit der sich Debatten im Netz strukturieren und moderieren lassen. Debatoo ist ein Spin-off des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), wo die grundlegenden Algorithmen entwickelt wurden, mit denen die Debatoo-Software arbeitet.

Wir haben mit Holger Geißler, Mitglied der Geschäftsführung bei Debatoo, über den Stand der deutschen Debattenkultur, welchen Einfluss soziale Medien auf unsere Sprachkultur haben und ob sich die Debatoo-Plattform auch für den Einsatz in nicht-politischen Organisationen – wie zum Beispiel Kommunikationsagenturen und anderen Firmen – lohnt, gesprochen:

Warum habt Ihr Debatoo gegründet und was macht Ihr?

Wir wollen die Welt der Online-Diskussionen verbessern. Dazu haben wir eine Software entwickelt, die die meisten Probleme von Online-Diskussionen beseitigt. So kann unsere Software mittels Künstlicher Intelligenz (KI) zum Beispiel erkennen, ob ein ähnliches Argument bereits genannt wurde. Somit wird verhindert, dass sich Diskussionen im Kreis drehen und nicht vorankommen.

Warum sind Debattenplattformen überhaupt notwendig?

Viele Newsseiten und Forenbetreiber haben ihre Kommentarfunktion abgeschaltet, weil sie die Menge an User-Kommentaren nicht mehr bewältigen können. Das zeigt zum einen, dass viele Leute online diskutieren möchten, zum anderen aber auch, dass die bisherigen Lösungen nicht funktionieren. Es wird also höchste Zeit, dass es neue Formen von Online-Debatten gibt. Wir bei Debatoo setzen auf die Unterstützung von KI, um Diskussionen zu verbessern.

Wie unterscheidet sich Debatoo von anderen Anbietern am Markt?

Im Unterschied zu anderen Diskussionsplattformen überprüft unsere Software zunächst, ob es ähnliche Antworten gibt. Der Nutzer bekommt diese dann vorgelegt und kann entscheiden, ob er einen neuen Diskussionsstrang startet oder seine Antwort in einen vorhandenen Strang einsortiert werden soll. Damit verändern wir die Linearität des Diskussionsverlaufs und verzweigen die Diskussion, wann immer es neue Aspekte gibt. Außerdem kann jeder Nutzer Evidenzen, wie Beweise, Links oder Studien, an seine Antwort anfügen.

Welchen konkreten Mehrwert generiert Ihr für Eure Kunden?

Debatoo ist interessant für Parteien, Verbände und Initiativen. So hat zum Beispiel die CDU Sachsen Debatoo verwendet, um mit Parteimitgliedern und Bürgern das Wahlprogramm für die Sachsenwahl 2019 zu diskutieren. Der Mehrwert war, dass online andere Personen teilgenommen haben als bei Offline-Veranstaltungen. Das Stimmungsbild ist also repräsentativer.

Projekt im Rahmen des Programmprozess der CDU Sachsen

Daneben ist Debatoo für Verlage und Portalbetreiber spannend, da man unsere Software wie ein Widget in eine Webseite einbauen kann. So bleiben die Nutzer auf der Seite, aber die Diskussion findet bei uns statt. Das hat große Vorteile für Verlage.

Und außerdem ist Debatoo für Firmen interessant, die entweder mehr als 30 Mitarbeiter haben oder räumlich dezentral organisiert sind. Also überall dort, wo man sich nicht mehr gemeinsam an einen runden Tisch setzen kann, um zu diskutieren.

Welche Kennzahlen kann man mit Debatoo messen? Wann ist eine Debatte ein Erfolg?

Im Vordergrund stehen bei Online-Debatten weniger harte Kennzahlen, wie die Anzahl der Teilnehmer, der Bewertungen oder der Beiträge, sondern die inhaltliche Qualität der Diskussion. Die Debatte ist dann ein Erfolg, wenn der Auftraggeber oder die Diskussion inhaltlich weitergekommen ist. Oder man versteht, welche Aspekte in einer Diskussion überhaupt wichtig sind. Aber natürlich liefert die Software auch diverse Statistiken, die anzeigen, wie lebhaft eine Diskussion verlaufen ist.

Welche direkten Anwendungsbeispiele siehst Du für Unternehmenskommunikation, PR und Marketing?

Unsere Software kann überall dort nützlich sein, wo man als Institution mit seinen Stakeholdern, wie zum Beispiel Kunden, Mitarbeitern oder Journalisten, online etwas diskutieren möchte. Da gibt es in der Unternehmenskommunikation und PR ja durchaus Gelegenheit dazu, wie bei PR-Krisen oder grundlegenden Veränderungen.

Anwendungsbeispiele im Marketing sind zum Beispiel Situationen, in denen Unternehmen sehr grundlegende und offene Fragen an Konsumenten haben und mit diesen in den Dialog treten wollen.

Politischer Diskurs ist wichtig, aber gibt es auch kommerzielle Anwendungen Eurer Plattform wie zum Beispiel die Marktforschung?

Ja, klar. Überall dort, wo man als Unternehmen mit seinen Mitarbeitern online diskutieren möchte, kann Debatoo hilfreich sein. Selbst bei kollaborativen Tools wie Slack oder Microsoft Teams verlaufen ja Chats und Diskussionen weitestgehend so wie schon seit den Anfangstagen des IRC: Man diskutiert von oben nach unten, Antworten wiederholen sich, man kommt nicht auf den Punkt. Viele Diskussionen, die etwas komplexer sind, scheitern. Da ist Debatoo die bessere Variante.

In der Marktforschung kann Debatoo zum Beispiel als Alternative zu klassischen Fokusgruppen eingesetzt werden – immer dann, wenn man ausgehend von der Leitfrage sehen möchte, wie sich der Diskussionsprozess ohne die Beeinflussung durch einen Leitfaden entwickelt. Das ist sozusagen „Big Data“ für die qualitative Forschung.

Kommunikation in politisch aufgeladenen Zeiten: was sind derzeit die größten Herausforderungen für Kommunikatoren und was können diese von Euch lernen?

Hier muss man zwischen Online- und Offline-Kommunikation unterscheiden: Die Herausforderung bei der Online-Kommunikation ist sicherlich die Notwendigkeit schnell zu reagieren. Aber gerade, wenn es schnell gehen muss, steigt die Gefahr von Fehlern, die, wenn es schlecht läuft, dann wieder viral gehen können. Auf unserem Blog gibt es einige Artikel, die sich damit auseinandersetzen, wie zum Beispiel der Beitrag von Ole von Beust, der dazu rät manchmal doch besser eine Nacht drüber zu schlafen, bevor man los-twittert.

In der Offline-Kommunikation gibt es ebenfalls viele Fallstricke. Was ist eigentlich noch „politically correct“? Wie geht man mit Extremen um? Ein hilfreicher Artikel in diesem Kontext ist der Beitrag von Kniggetrainerin Sabine Lansing, die Tipps zum Verhalten in Debatten gibt. Oder der Beitrag von Hanne Wurzel, die den Fachbereich „Extremismus“ bei der Bundeszentrale für politische Bildung leitet.

„Verrohung“ und „Radikalisierung“ als Stichworte: Welchen Einfluss haben soziale Medien auf die sich verändernde Sprach- und Debattenkultur?

Das ist eine vielschichtige Frage. Wir haben es zum einen mit Effekten wie Filter-Bubbles zu tun, das heißt abweichende Meinungen erreichen mich erstmal gar nicht mehr. Man liest nur noch das, was ohnehin der eigenen Meinung entspricht. Etwas anderes landet auch gar nicht mehr in meinem News Feed.

Zum anderen ist die Informationsvermittlung durch computervermittelte Kommunikation im Vergleich zu anderen Kommunikationsformen, wie der persönlichen Kommunikation, stark eingeschränkt: Das führt zur Abwesenheit von sozialen Normen; die Folge sind Beleidigungen und Aggressivität. Das ist kein alleiniges Problem von sozialen Medien, führt aber dazu, dass sich viele Menschen aus Diskussionen – interessanterweise nicht nur online – zurückziehen.

Dazu empfehle ich sehr den Artikel von Antonia Haufler, Landesvorsitzende der Jungen Union Hamburg, in unserem Blog zu lesen. Sie beschreibt treffend, woran unsere Debattenkultur aktuell erkrankt und warum das fast zwangsläufig zur Radikalisierung führen muss.

Fake News, Desinformation und Fehlinformation – Was bedeuten diese Phänomene für Eure Arbeit?

Fake-News kann unsere KI leider noch nicht identifizieren. Aber immerhin kann jeder Nutzer in unserer Software seiner Meinung Evidenzen anfügen und die anderen Nutzer können Beiträge bewerten. So ist eine gewisse soziale Kontrolle möglich.

Social Bots: Inwiefern sind Meinungsroboter eine Gefahr für die Debattenkultur? Kann Debatoo hier auch helfen?

Solange Meinungsroboter als solche erkennbar sind, können Social Bots vielleicht sogar hilfreich sein. Wir sehen durchaus Potenzial im Einsatz von Social Bots, um zum Beispiel Nachfragen automatisiert stellen zu können.

Welche Rolle spielen neue Technologien wie KI bei Debatoo? Welche weiteren Produkt-Innovationen habt Ihr geplant?

Wir glauben fest daran, dass Technologien wie Künstliche Intelligenz dabei helfen können, vorhandene Probleme in den Griff zu bekommen. Deshalb setzen wir KI ein, um ähnliche Antworten in Online-Diskussionen zu identifizieren. Der nächste Schritt für Debatoo ist eine Erweiterung unserer KI, um auch Hate-Speech automatisiert zu erkennen.

Debattenkultur & öffentliche Kommunikation: Auf welche Entwicklungen müssen wir uns für die nächsten Jahre einstellen?

Positiv ist immerhin, dass aktuell über das Thema Debattenkultur gesprochen wird.  Ich hoffe, dass wir eine Renaissance von Debatten erleben, vor allem zwischen der jungen und älteren Generation. Wir sehen erste Anfänge bei FridaysForFuture oder bei #rezovideo. Hier zeichnet sich auch ab, welche große Rolle Online-Kanäle bei Debatten spielen können.

Es braucht neue Instrumente der Bürgerbeteiligung und des Aushandelns von Kompromissen. Alle vier Jahre zur Wahl ist Vielen zu wenig. Der Vorschlag „Volkseinwand“ von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ist zum Beispiel ein interessanter Vorschlag.

Dagegen werden Formate wie die klassische Talkshow im Fernsehen an Bedeutung verlieren. Das schaut sich kaum ein junger Mensch mehr an. Da wächst man auch nicht rein.

Verrätst Du uns ein Geheimnis über Dich, welches Andere nicht kennen?

Das ist gar nicht so einfach, weil ich in Social Media durchaus aktiv bin und deshalb vieles bekannt sein dürfte. Was aber kaum jemand weiß: Ich wollte als Kind Sportkommentator werden. Auch heute kommentiere ich gerne zuhause live mit, wenn ein Fußball- oder Handballspiel im Fernsehen läuft.

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Holger Geißler im Ubermetrics-Interview - Mitgründer und Gesellschafter bei der Debatoo GmbHHolger Geißler

Mitgründer und Gesellschafter der Debatoo GmbH

Holger Geißler ist von der Ausbildung Diplom-Psychologe, hat viele Jahre in der Markt- und Meinungsforschung gearbeitet, zum Beispiel als Vorstand von YouGov Deutschland. Er ist Präsident des Marketing Club Köln-Bonn.

Nehmen Sie Kontakt zu Holger über LinkedIn oder XING auf oder besuchen Sie die Debatoo-Webseite.

Das Ubermetrics-Team bedankt sich recht herzlich bei Holger für dieses interessante Interview.

Chief Marketing Officer