„Smart Cities“ bieten Kommunikationsprofis viele Chancen – aber auch Risiken

„Smart Cities“ bieten Kommunikationsprofis viele Chancen – aber auch Risiken
8. September 2019 Nina Walloch

„Smart Cities“ bieten Kommunikationsprofis viele Chancen – aber auch Risiken

Smart Cities - Chancen & Risiken für die Kommunikation

Neue Technologien wie das Internet of Things (IoT) beeinflussen bereits heute viele Aspekte unseres täglichen Lebens. In Kombination mit den bald lancierten 5G-Netzwerken wird es ein noch nie da gewesenes Level an Interkonnektivität – also digitaler Vernetzung – geben. Dadurch können große Mengen an Daten (Big Data) gesammelt und in aussagekräftige Insights umgewandelt werden. In urbanen Räumen wird das Zusammenspiel von IoT, 5G und Big Data das bis vor Kurzem noch futuristische Konzept der „Smart Cities“ für viele von uns zur Realität machen. Schätzungen zufolge wird die Smart City-Industrie bis zum Jahr 2020 eine Größe von 400 Milliarden US-Dollar erreichen – verteilt über 600 solcher Städte weltweit. Experten gehen davon aus, das bis zum Jahr 2025 die durch Smart Cities generierte Wirtschaftsleistung 60% des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausmachen wird.

In unserem Artikel sprechen wir darüber, was diese Entwicklungen für Marketing- und PR-Experten bedeuten und welche Chancen und Herausforderungen durch den Einfluss von Smart Cities für die Kommunikation entstehen.

Was sind Smart Cities?

Der Begriff „Smart Cities“ bezieht sich auf Entwicklungskonzepte, die darauf abzielen, die Qualität von Dienstleistungen in Städten – und damit die Lebensqualität der Menschen – zu verbessern. Dafür werden über verschiedenste internetfähige Geräte Daten gesammelt und die dadurch generierten Insights genutzt, um Ressourcen effizienter zu managen. Gartner erwartet, dass jeder Haushalt in Industrienationen bis zum Jahr 2022 mehr als 500 sogenannte Smart Devices einsetzen wird.

Smart Cities haben ein großes Potenzial für die globale Wirtschaft: die Global Commission on Economy & Climate schätzt, dass durch Smart Cities bis zum Jahr 2050 Ersparnisse im Wert von 22 Billionen US-Dollar realisiert werden. Andere Ersparnisse entstehen zudem durch innovative Lösungsansätze für Probleme wie Verkehrsüberlastung und andere unzureichende städtische Infrastrukturen.

Smart City-Konzepte sind außerdem ein neuer Ansatz für viele Regierungen weltweit, sich auf die stetig wachsende Bevölkerung in Städten und den damit verbundenen Herausforderungen vorzubereiten. Die jährlichen Investitionen in Smart City-Technologien lagen bereits im Jahr 2018 bei 80 Milliarden US-Dollar und werden bis zum Jahr 2021 voraussichtlich auf 135 Milliarden US-Dollar steigen.

Smart Cities im Entstehungsprozess

Was viele nicht wissen: es gibt bereits heute zahlreiche Beispiele von Smart City-ähnlichen Anwendungsbereichen:

  • Yinchuan, China: Hier informieren smarte Mülleimer die Müllabfuhr darüber, wenn sie geleert werden müssen. Zudem überwacht die Stadt Luft- und Wasserqualität, um mögliche Schadstoffe frühzeitig zu identifizieren;

  • New York, USA: Das New York City Fire Department nutzt Data Mining und Predictive Analytics, um Brandrisiko-Scores für Millionen von Gebäuden zu vergeben und so die Anzahl von Bränden in der Stadt zu verringern;
  • Berlin: Die Stadt ist führend in der Entwicklung von intelligenten Stromnetzen, Speicherkonzepten und anderen innovativen Ansätzen, um Energieangebot und -nachfrage aufeinander abzustimmen.

Smart Cities sind mit großen Risiken verbunden

Smart Cities haben viele Vorteile, aber sind gleichzeitig auch mit großen Risiken verbunden. Dazu gehört zum Beispiel die Cybersicherheit, denn die in Smart Cities weltweit vorhandenen 2,3 Milliarden IoT-Geräte eröffnen viele neue Angriffspunkte für Kriminelle. Zu den konkreten Risiken zählen hier zum Beispiel Daten- und Identitätsdiebstahl, Denial-of-Service-Attacken bei denen Nutzer blockiert werden oder Angriffe, bei denen Kriminelle ferngesteuert die Kontrolle über Geräte erlangen und diese für böswillige Zwecke einsetzen (siehe Grafik; Quelle: Rambus). Im Jahr 2017 wurden zum Beispiel die Tornado-Sirenen in Dallas von Hackern ausgelöst.

Eine Studie von IBM Security und Threatcare hat bestätigt, dass die Sensoren, die Smart Cities steuern, in der Tat sehr anfällig für Hackerangriffe sind.

Risks in Smart Cities

Dann ist da noch das Problem des sogenannten Data Ownership. Die kanadische Stadt Toronto hat zum Beispiel gemeinsam mit Sidewalk Labs das weltweit erste komplett digital vernetzte Stadtviertel entwickelt. Die Markenstrategin und Autorin Jeannette Hanna kritisiert, dass das Projekt zwar eine spannende Entwicklung für Toronto sei, sie aber „heikle Probleme“ sieht, wenn es darum geht, wem die dort gesammelten Daten letztendlich gehören. Saadia Muzaffar, Gründerin von TechGirls Canada, ergänzt, dass Sidewalk Labs es versäumt hat „Anwohner zu informieren, ob ihre Daten der Stadt Toronto gehören oder dem Gewinn von Sidewalk Labs selbst zugute kommen.

Kritische Stimmen bezeichnen Smart Cities auch als Überwachungsprojekte. Städtebewohnern wird vieles versprochen: eine effizientere Verwaltung, Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Sicherheit, Komfort und vieles mehr. Aber das Risiko, dass Städte unter der Kontrolle von IoT-Sensoren „ihre Bewohner auf reine Verbraucher reduzieren, Verbraucher in Datenquellen sowie die Demokratie in privatisierte Dienstleistungen umwandeln, ist nicht zu unterschätzen.“

Smart Cities: Neue Chancen für Kommunikationsprofis

Damit Smart Cities ein Erfolg werden, ist sowohl die Kommunikation von PR- und Marketingexperten als auch eine geeignete Kommunikationstechnologie von entscheidender Bedeutung. Die großen Datenmengen und die ausgeprägte digitale Vernetzung in Smart Cities bieten Marketing- und Branding-Experten zahlreiche Kommunikationschancen, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen. Stephanie Himoff, UK Managing Director von Outbrain, sagt dazu: „Ob Badezimmerspiegel, Kühlschranktür oder Schaufenster – Marken können mit Verbrauchern in Smart Homes und Smart Cities effektiv interagieren.“

Zwei große, derzeitige Trends in der Kommunikation sind die Automatisierung und Personalisierung – diese werden sich in Smart Cities weiterentwickeln und quasi alltäglich werden. Wir erwarten, dass Marketer in wenigen Jahren zum Beispiel Automatisierungstechnologien nutzen werden, um Werbeanzeigen in Abhängigkeit vom Tag, dem Wetter und anderen Faktoren an Zielgruppen auszuspielen. Marketer können für personalisiertes Marketing zudem auf einen großen Datenschatz zurückgreifen und zielgruppenspezifische Kampagnen entwickeln und veröffentlichen.

Wearables, deren Markt bis zum Jahr 2020 einen Wert von 34 Milliarden US-Dollar erreichen wird, sind für Marketer wertvolle Informationsquellen, die sie für die Personalisierung von Produkten, Dienstleistungen aber auch Content nutzen können. Marken, die zielgruppenspezifischen und damit relevanten Content veröffentlichen, haben in der Folge deutliche Vorteile im Vergleich zu Wettbewerbern.

Kommunikatoren müssen sich auf eine neue Realität vorbereiten

Wie können sich Kommunikationsexperten auf Smart Cities vorbereiten? Da es sich heute keine Industrie mehr leisten kann, sich nicht digital weiterzuentwickeln, sollten Organisationen ihre Produkte und Dienstleistungen an diese Entwicklungen anpassen. Bereits heute lancieren Versorgungsunternehmen intelligente Stromzähler, Apotheken experimentieren mit telemedizinischen Dienstleistungen und der Einzelhandel führt intelligente Umkleidekabinen ein. Ein Beispiel: John Lewis hat in Zusammenarbeit mit dem Mikrostandort-Spezialisten Localz einen Ansatz entwickelt, bei dem der genaue Standort von Kunden über das Smartphone ermittelt wird, um zum Beispiel ihre Click & Collect-Bestellung bereitzuhalten, sobald sie den Laden betreten oder sie anhand ihrer Einkaufsliste durch den Laden zu führen.

Auch digitale Marketingstrategien werden sich in den nächsten 5 bis 10 Jahren stark verändern. Wir wissen bereits, dass viele Verbraucher Sprachassistenten nutzen, anstatt eine Textsuche über Google durchzuführen – für Marken ist es daher empfehlenswert neben SEO-Maßnahmen auch in Voice Search Optimisation (VSO) zu investieren. Durch den Einfluss von Wearables und anderen IoT-Geräten stehen Marketingexperten zudem neue Formate für Werbeanzeigen zur Verfügung. Sie sollten daher Strategien entwickeln, um Zielgruppen über diese neuen Anzeigen und Geräte zu erreichen.

Für PR-Experten wird personalisierte, automatisierte Kommunikation, also „Conversational PR“, voraussichtlich allgegenwärtig werden. Sie müssen zudem Strategien und Taktiken in der Medienarbeit überarbeiten, denn in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Journalisten werden KI-getriebene Redaktionen, die das Potenzial von Smart Cities für neue, datengetriebene Storytelling-Ansätze einsetzen, an Bedeutung gewinnen.

Organisationen müssen sich außerdem auf technologiebedingte Kommunikationskrisen vorbereiten.

Smart Cities – goldene Zukunft für die Kommunikation?

Da sich Smart Cities noch in den Anfängen befinden, lassen sich spezifische Chancen und Risiken für die Kommunikation noch nicht verlässlich festlegen. Kommunikationsprofis sollten sich aber dennoch auf diese Entwicklungen vorbereiten und können sich auf neue Möglichkeiten freuen, um Marken zu bewerben und mit Zielgruppen zu interagieren.

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